Der Betreuungsdienst des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) spielt eine zentrale Rolle, wenn Menschen in Notlagen geraten – sei es durch Unfälle, Brände, Evakuierungen, extreme Wetterereignisse oder den Ausfall sozialer Infrastruktur. Auch wenn Betroffene körperlich unverletzt sind, benötigen sie häufig Unterstützung: Verpflegung, Unterbringung, Kleidung, Orientierung oder einfach jemanden, der ihnen durch die Situation hilft.
Im Bayerischen Roten Kreuz dient der Betreuungsdienst dazu, rasch an Einsatzstellen zu gelangen, Betroffene zu erfassen, zu beruhigen und erste Bedarfe zu klären. Er ist damit ein entscheidender Baustein im modernen Bevölkerungsschutz. Die Bereitschaft Markt Schwaben aus dem BRK-Kreisverband Ebersberg stellt sich zurzeit in diesem Bereich umfangreicher auf.
Da die Fachgruppe Betreuungsdienst auf engagierte Ehrenamtliche angewiesen ist, sucht die Bereitschaft Markt Schwaben aktuell Unterstützerinnen und Unterstützer, die sich in dieses neue Team einbringen möchten. Das Interview mit Sarah Haase soll Einblicke geben, warum der Betreuungsdienst so wichtig ist, wie er funktioniert und weshalb jede helfende Hand zählt.
Sarah, bevor wir ins Thema einsteigen: Stell dich bitte kurz vor. Welche Aufgaben hast du in der BRK-Bereitschaft Markt Schwaben?
Sarah: Ich bin noch gar nicht so lange dabei – erst seit Anfang 2025. Bisher habe ich in der Neumitgliederbetreuung unterstützt und habe vor ein paar Monaten die Leitung der Fachgruppe Betreuung übernommen. Außerdem bin ich Fachsanitäterin, gehe auf Sanitätswachdienste und bin Erste‑Hilfe‑Ausbilderin.
Wie bist du selbst zum Roten Kreuz gekommen und was motiviert dich, dich ehrenamtlich zu engagieren?
Sarah: Zum Roten Kreuz gekommen bin ich über meine Kinder. Sie haben mich durch ihr Engagement immer mehr motiviert, dazuzukommen. Ehrenamt bedeutet für mich, der Gesellschaft etwas zurückzugeben und dazu beizutragen, dass ein gutes Miteinander entsteht.
Viele kennen den Rettungsdienst, aber wenige den Betreuungsdienst. Kannst du kurz erklären, was der Betreuungsdienst des BRK macht?
Sarah: Der Betreuungsdienst ist – anders als der Rettungsdienst – nicht für verletzte Personen zuständig, sondern für Menschen, die unverletzt sind, aber dennoch von einem Schadensereignis betroffen sind. Auch sie brauchen Unterstützung: Essen, Getränke, eine Unterkunft, Wetterschutz, Hygieneartikel – alles, was man in einer akuten Notsituation eben benötigt.
Warum ist diese Form der Hilfe so wichtig?
Sarah: Weil auch unverletzte Menschen in einer echten Notsituation sein können. Wenn man plötzlich nicht weiterkommt, auf freiem Feld steht oder seine Wohnung verliert, ist man oft ratlos oder überfordert. Dann braucht es jemanden, der sich auskennt, Ruhe mitbringt und sich kümmert.
Welche typischen Situationen gibt es, in denen der Betreuungsdienst zum Einsatz kommt?
Sarah: Typische Einsatzlagen sind Brände, Unwetter oder Evakuierungen, bei denen Menschen ihre Wohnung nicht mehr betreten können. Auch wenn ein Zug liegen bleibt und Reisende feststecken, kümmern wir uns um die Versorgung. Ein weiteres Beispiel sind lange Staus auf der Autobahn. Und wir unterstützen auch andere Einsatzkräfte: Feuerwehrleute etwa, die bei großen Lagen über viele Stunden im Einsatz sind, versorgen wir mit Essen, Trinken und Schutz vor Hitze. Überall dort, wo Menschen in einer Ausnahmesituation sind und Hilfe brauchen, kommt der Betreuungsdienst zum Einsatz.
Ihr habt die „Fachgruppe Betreuungsdienst“ in der Bereitschaft Markt Schwaben erst neu gegründet. Was waren die Gründe dafür?
Sarah: Ich habe das Konzept durch meine Ausbildung beim Roten Kreuz kennengelernt und war sofort begeistert. Die Schnelleinsatzgruppe (SEG) „Betreuung“ gibt es auf Kreisebene, aber hier vor Ort gab es bisher keine entsprechende Struktur. Dabei kann es auch kleinere Lagen geben, in denen Betroffene Unterstützung brauchen, und die Leistungsfähigkeit des Roten Kreuzes liegt in der breiten örtlichen Verfügbarkeit. Diese Aufgabe hat mir zugesagt, ich fand sie sinnvoll und wichtig. Als Psychologin liegt mir das Betreuen und Kümmern besonders.
Welche Herausforderungen gibt es bei der Etablierung dieses neuen Teams?
Sarah: Wie immer, wenn man etwas Neues aufbaut: Man muss herausfinden, was man braucht, wie man es macht, welche Strukturen wichtig sind, welche Kontakte man knüpfen muss und wer mitmacht. Außerdem braucht es ein stabiles Umfeld, dass das Ganze möglich macht – dieses bietet das Rote Kreuz, denn hier ist breites Wissen und Können im Betreuungsdienst insbesondere in unserem Kreisverband Ebersberg bereits vorhanden.
Welche Fähigkeiten und Schulungen braucht man dafür?
Sarah: Man muss Freude daran haben, Menschen in besonderen Situationen beizustehen. Eine spezielle Vorbildung braucht man nicht. Eine Sanitätsausbildung oder Ähnliches ist nicht zwingend notwendig. Bei uns gibt es viele Schulungsmöglichkeiten – zum Beispiel die Einsatzkräfte‑Grundausbildung mit einem eigenen Lehrgang „Betreuung“. Wer sich engagieren möchte und für diesen Fachbereich interessiert, kann sich hier Fachwissen aneignen, das hilfreich ist.
Wie kann der Betreuungsdienst andere Einheiten, wie den Rettungsdienst, unterstützen?
Sarah: Der Rettungsdienst kümmert sich um Verletzte. Oft gibt es aber auch unverletzte Betroffene, für die die Kapazitäten nicht reichen. Diese Menschen kann man nicht allein lassen. Hier kommt dann der Betreuungsdienst ins Spiel.
Ihr sucht aktuell neue Unterstützerinnen und Unterstützer. Wen sprecht ihr an?
Sarah: Eigentlich alle Menschen, die sich sozial engagieren möchten und Lust haben, Teil eines großen, tollen Teams im Roten Kreuz zu werden. Man muss 18 sein, um auf Einsätze mitfahren zu dürfen. Die BRK Bereitschaft Markt Schwaben ist eine Gemeinschaft, die jede und jeden mit offenen Armen aufnimmt.
Welche Voraussetzungen sollte man mitbringen?
Sarah: Bereitschaft Neues zu lernen, Teamgeist und Einfühlungsvermögen. Empathie ist wichtig, genauso wie ein wenig Herz und Verstand und die Bereitschaft, anzupacken.
Wie viel Zeit muss man investieren?
Sarah: Aktuell treffen wir uns einmal im Monat, um Einsatzsituationen zu besprechen und zu üben. Schön wäre es, wenn man auch zu den regelmäßigen Bereitschaftsabenden der Bereitschaft Markt Schwaben kommt.
Später trägt man sich für Dienste ein, je nachdem, wann man Zeit hat und steht dann für mögliche Einsätze zur Verfügung – alles ist freiwillig.
Was würdest du Menschen sagen, die überlegen, sich zu engagieren, aber noch unsicher sind?
Sarah: Komm vorbei, schau es dir an und lern uns kennen. Dann kannst du entscheiden, ob es etwas für dich ist.
Wie soll sich die Fachgruppe Betreuung in den nächsten Monaten weiterentwickeln?
Sarah: Langfristiges Ziel ist, den „Betreuer vor Ort“ als alarmierbare Einheit zu etablieren.
Bis dahin wollen wir kleine Übungen machen, am Konzept arbeiten und Strukturen aufbauen. Es kann durchaus sein, dass wir schon jetzt informell angefragt werden – es geht also nicht nur um Theorie, sondern bereits um echte Unterstützung.
Gibt es eine Einsatzsituation, die dir besonders gezeigt hat, wie wichtig der Betreuungsdienst ist?
Sarah: Ja – tatsächlich sind wir über genau so eine Situation überhaupt zum Roten Kreuz gekommen. Als wir hierhergezogen sind, war unser jüngster Sohn gerade neun Tage alt. Mein Mann war an seinem ersten Arbeitstag beim neuen Arbeitgeber, und ich bin schwer krank geworden und brauchte den Rettungsdienst.
Plötzlich stand Heinz Brandl vor der Tür – ich kannte ihn nicht. Er war damals BRK-Bereitschaftsleiter und hatte sofort gesehen, dass drei kleine Kinder allein zurückbleiben würden. Er hat aus dem Nichts Helfer organisiert, die bei den Kindern geblieben sind, bis mein Mann nach Hause kommen konnte.
Das war ein absolut klassischer und für uns als Familie sehr hilfreicher Betreuungsdiensteinsatz. Und genau dieser Moment hat unseren Sohn Anno dazu gebracht, mit fünfeinhalb Jahren zum Jugendrotkreuz zu gehen und seitdem ist er dabei – heute ist er unser Bereitschaftsleiter.


